Kapitel 1

„Warum mache ich aus dieser Aktion nur so ein Drama?“ Seinen Worten folgte ein tiefer Seufzer. „Er wird ja nicht verschrottet. Wir stellen ihn lediglich ein Stück weiter hinter. Der Winter kommt schneller, als man denkt, und dann kann ich eh nicht mehr darin schlafen.“

Seit ich Tripp vor drei Monaten angeheuert hatte, um mir bei der Renovierung des Hauses zu helfen, stand der knapp fünf Meter lange Faltwohnwagen in meinem Vorgarten. Heute kam er endlich weg.

Auch wenn er ein wenig sentimental zu sein schien … für mich war heute ein großer Tag. Nach monatelanger Knochenarbeit hatten wir es endlich geschafft: Das ehemalige Sieben-Schlafzimmer-Haus meiner Großeltern war fertig umgebaut und nun offiziell ein Bed & Breakfast. Doch in all der Vorfreude schwang auch ein wenig Wehmut mit. Die Türen für Gäste zu öffnen, bedeutete, dass sich unsere gemeinsame Zeit grundlegend verändern würde. Vorbei wären die endlosen, gemütlichen Abende auf der Dachterrasse meiner kleinen Wohnung über dem Bootshaus, an denen wir einfach nur dasaßen und beobachteten, wie das flirrende Mondlicht über den See tanzte, und den sehnsuchtsvollen Rufen der Eistaucher lauschten, die durch die Nacht hallten.

„Lass dir Zeit.“ Ich legte ihm tröstend eine Hand auf die Schulter und bemühte mich, ob dieser doch sehr emotionalen Abschiedsszene geduldig zu bleiben.

Natürlich konnte ich nachvollziehen, warum Tripp das so naheging. Fünf Jahre lang war er mit seinem geliebten Campinganhänger kreuz und quer durchs Land gezogen und nie lange an ein und demselben Ort geblieben. Spontane Entscheidungen zu treffen, stellte demnach kein Problem für ihn dar. Wandfarben oder Fliesen für die neun Bäder auszusuchen? Dazu brauchte er nicht länger als eine halbe Stunde. Einen Koch einzustellen oder sich selbst um das Frühstück im Pine Time B&B zu kümmern? Das dauerte keine Sekunde, denn seine Küche jemand anderem zu überlassen, kam für ihn überhaupt nicht infrage. Selbst ich schied aus, aber ich konnte eh nicht kochen. Doch ausgerechnet bei der Frage, was mit dem kleinen Wohnwagen geschehen sollte, ließ er sich wochenlang Zeit.

Schließlich einigten wir uns darauf, ihn an der Rückseite der frei stehenden Garage zu parken, dort, wo man ihn weder vom Haus noch von der Einfahrt aus sehen konnte. Heute Morgen hatten wir mit dem Umzug begonnen und all seine Sachen vom Trailer auf den Dachboden hinaufgeschafft, was flott vonstattenging. Tripp besaß nicht viel. Und nun bereitete er sich seit geschlagenen zwanzig Minuten innerlich auf den letzten Schritt vor: das Teil an seinen roten, halb verrosteten Pick-up zu hängen.

„Okay.“ Erneut atmete er tief durch. „Ich bin bereit.“

„Du schaffst das.“ Gut, dass ich hinter ihm stand, denn bei dieser Bemerkung verdrehte ich die Augen, und das hätte er mir mit Sicherheit übelgenommen.

Er sprang auf den Fahrersitz, legte den Gang ein und rangierte den Camper wie ein Profi rückwärts hinter die Garage. Meeka, mein West Highland White Terrier, überwachte die Aktion, bellte zustimmend oder gab ein tadelndes Kläffen von sich, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen lief.

„Ich hole eine Plane und decke ihn schnell noch …“ Plötzlich brach er mitten im Satz ab, blinzelte und eilte zurück zu der Stelle, wo der Wohnwagen gestanden hatte.

„Was ist los?“ Ich hastete hinterher, und jetzt sah ich die Bescherung ebenfalls: diverse kahle Stellen im Rasen, verursacht durch die Reifen, und ein großes, gelbgrünes Rechteck dort, wo der Camper seinen Schatten geworfen hatte.

Tripp stöhnte auf und fluchte leise, was er sonst nie tat. „Mal schauen, wie ich das auf die Schnelle ausbessern kann. Am besten, ich fülle etwas Erde auf und säe neuen Rasen an.“

„Heute Abend ist unsere große Eröffnungsparty und du hast Gäste zu bewirten, schon vergessen? Wofür haben wir Leute eingestellt? Sollen die sich doch darum kümmern.“

„Du hast recht.“ Genervt schüttelte er den Kopf. „Ich rufe den Gärtner an, er soll direkt vorbeikommen.“

„Das reicht auch morgen. Jetzt ist es eh zu spät, sich darüber Sorgen zu machen.“

„Ich hätte nicht bis zur letzten Minute warten, sondern das Teil gestern schon wegfahren sollen.“

Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. „Ich liebe es, wie du dich um jedes kleine Detail hier kümmerst. Deshalb weiß ich, dass unser Vorhaben ein voller Erfolg wird.“

„Apropos letzte Minute – wo sind eigentlich die Tische und Stühle?“

Wir hatten für die Feier zehn runde Tische und hundertzwanzig Stühle bestellt, die um zehn Uhr geliefert werden sollten. Mittlerweile war es fast ein Uhr.

„Die sind bestimmt schon unterwegs, aber ich rufe sicherheitshalber mal bei der Verleihfirma an und hake nach.“

Ich nahm seine Hand und führte ihn in die Mitte des Vorgartens. Dort drehte ich ihn um, sodass er auf das Haus blickte. Als ich vor etwas über drei Monaten hier ankam, kurz vor dem Memorial-Day-Wochenende, befand sich das Haus, oder vielmehr das gesamte Anwesen, in einem absolut desolaten Zustand. Die Außenfassade der imposanten, fünfzig Jahre alten Villa am See brauchte dringend einen neuen Anstrich. Der Garten war seit Jahren nicht mehr richtig gepflegt worden. Am schlimmsten jedoch sah es im Inneren aus. Offenbar waren Vandalen eingebrochen und hatten alles kurz und klein geschlagen. Meine Großeltern hätten sich bei diesem Anblick im Grab umgedreht.

Heute erstrahlten die Gärten wieder in ihrer ursprünglichen Pracht und rahmten die frisch gestrichene Fassade in sturmwolkengrau mit schneeweißen Zierleisten perfekt ein. Zu verdanken hatte ich das meiner Freundin Morgan Barlow, der mächtigsten grünen Hexe in ganz Wisconsin, was im Wicca-Jargon bedeutete, dass sie ein besonderes Händchen für Pflanzen hatte. Sie war vorbeigekommen, hatte sich alles angesehen, mir Tipps zur Neugestaltung gegeben und anschließend ein paar Leute aus dem Dorf empfohlen, die ich mit der Umsetzung betreuen konnte. Ich schwöre, es war, als hätte ihre pure Präsenz ausgereicht, um dem ermatteten Grün neues Leben einzuhauchen.

„Erinnerst du dich noch, wie es hier aussah, als wir angefangen haben?“, fragte ich Tripp.

„Wie könnte ich das vergessen? Ich kann immer noch nicht fassen, dass wir das alles rechtzeitig hinbekommen haben.“

Drei intensive Monate voller Renovierungsarbeiten, Website-Design und Mundpropaganda lagen hinter uns, um die Eröffnung des Pine Time Bed and Breakfast irgendwann im August Wirklichkeit werden zu lassen. Wir hatten es tatsächlich geschafft, aber gerade noch so. Morgen war der erste September, und heute Nachmittag, pünktlich zum langen Labor-Day-Wochenende, würden unsere ersten Gäste anreisen.

Ehrlich … hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, ich würde Madison, Wisconsin, verlassen und in ein kleines Dorf irgendwo in den Northwoods ziehen, hätte ich ihn ausgelacht. Doch bereits nach weniger als einer Woche an diesem klaren See, umgeben von Menschen, denen das Wohl ihrer Nachbarn wichtiger war als ihr eigenes, wusste ich, dass ich nie wieder wegwollte. Schon während des Umbaus stand die Dorfgemeinschaft geschlossen hinter uns und packte mit an, wo sie nur konnte, und zum Dank veranstalteten wir für sie heute Abend eine große Eröffnungsparty mit Barbecue. Touristen waren natürlich ebenfalls willkommen.

Während wir so dastanden und, stolz wie frischgebackene Eltern auf ihr Neugeborenes, auf unser wunderschönes Haus blickten, drang von den Bäumen entlang der Einfahrt das markante Brummen eines teuren Motors zu uns herüber. Kurz darauf bog ein glänzender schwarzer Sportwagen um die Kurve und hielt direkt auf uns zu.

Tripp fiel vor Staunen die Kinnlade herunter. „Ich glaube, ich bin verliebt.“

„Was ist das denn für eine Marke?“ Dieses Auto war schlichtweg heiß. Tiefergelegt, wie Sportwagen es nun mal waren, glich es beinahe einem Raubtier – einem Wolf oder Panther auf Beutejagd.

Tripp wischte sich verstohlen einen kleinen Sabberfaden aus dem Mundwinkel. „Das ist ein Aston Martin Vanquish.“

Ich warf ihm einen amüsierten Blick zu. „Und woher weißt du das?“

Er blinzelte verwundert, scheinbar irritiert von dieser Frage. „Weil ich ein Mann bin. Derartiges Wissen hat man einfach im Blut.“

Da er mir gerade eher wie ein kleiner Junge am Morgen der Bescherung vorkam, ließ ich die etwas sexistisch anmutende Erklärung unkommentiert. „Was kostet so ein Ding?“

„Ein paar hundert.“

Eigentlich hätte ich erwartet, er würde gleich losprusten und mir den tatsächlichen Preis nennen, aber er starrte nur weiterhin wie hypnotisiert auf das Gefährt. Wer bitte zahlte denn eine sechsstellige Summe für ein Auto? Gebannt beobachteten wir, wie der Wagen neben meinem klapprigen, zwanzig Jahre alten Cherokee einparkte – der nicht mehr als ein paar hundert Dollar gekostet hatte –, und ein Mann ausstieg, der seiner Luxuskarrosse in Sachen Eleganz und Ausstrahlung in nichts nachstand.

Mindestens einen Meter neunzig groß, Anfang dreißig, dezent gebräunte Haut, blassblaue Augen, schwarzes, leicht gewelltes Haar bis zum Kragen und Schultern breit genug, um die Last der Welt zu tragen.

Der Typ sah aus, als wäre er direkt einem Vampirroman entsprungen. Oder vielleicht war er auch ein dunkler Engel. Ich hätte mich jedenfalls nicht gewundert, wenn ihm plötzlich schwarze Flügel aus dem Rücken gewachsen wären.